Rheinland-Pfalz: In kleinen Gaststätten darf vorläufig weiter geraucht werden

12 Februar 2008

Ein erster Durchbruch: In Rheinland-Pfalz darf in inhabergeführten Ein-Raum-Gaststätten, die neben dem Wirt keine Beschäftigten haben, vorerst weiter geraucht werden. Dies entschied nun der rheinland-pfälzische Verfassungsgerichtshof in Mainz. im Folgenden die Erklärung des VGH:

Das durch § 7 des Nichtraucherschutzgesetzes Rheinland-Pfalz vom 5. Oktober 2007 angeordnete Rauchverbot in Gaststätten wird bis zur Entscheidung über die Verfassungs­beschwerden insoweit einstweilen ausgesetzt, als es sich auch auf ausschließlich inhabergeführte Ein-Raum-Gaststätten ohne Beschäftigte erstreckt. Diese Gaststätten müssen am Eingangsbereich deutlich sichtbar auf eine Raucherlaubnis hinweisen. Die übrigen Vorschriften des Gesetzes können am 15. Februar 2008 in Kraft treten. Dies ent­schied der Verfassungsgerichtshof Rheinland-Pfalz in Koblenz im Verfahren über mehrere Anträge auf Erlass einer einstweiligen Anordnung. 

Nach dem Nichtraucherschutzgesetz sind Gaststätten grundsätzlich rauchfrei. Aus­nahmsweise können Betreiber einer Gaststätte in abgetrennten und entsprechend gekennzeichneten Räumen das Rauchen erlauben. Gegen das Nichtraucherschutzgesetz haben fünf Betreiber von Ein-Raum-Gaststätten, deren bauliche Anordnung nach ihren Angaben die räumliche Abtrennung eines separaten Raucherbereichs ausschließt, Ver­fassungsbeschwerden eingelegt. Sie rügen eine Verletzung ihrer Berufsfreiheit und ihres Eigentumsrechts: Mindestens 80 % ihrer Stammkundschaft seien Raucher. Infolge der gesetzlichen Neuregelung müssten sie mit gravierenden Umsatzrückgängen rechnen, die sie in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedrohten. Ein weiterer Beschwerdeführer, der keine Gaststätte betreibt, fühlt sich als Raucher durch das Rauchverbot in seinem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit verletzt. Sämtliche Beschwerdeführer haben Anträge auf Erlass einer einstweiligen Anordnung gestellt, mit der das Inkrafttreten des Gesetzes zum 15. Februar 2008 vorläufig ausgesetzt werden soll. Die Anträge der Gaststätten­betreiber hatten Erfolg. Der Antrag des Rauchers wurde abgelehnt. 

1. Die Betreiber von Ein-Raum-Gaststätten verfügten aufgrund der örtlichen Gegeben­heiten nicht über die Möglichkeit, einen von dem rauchfreien Gastraum abgetrennten Raucherbereich einzurichten. Zugleich sei es ihnen verwehrt, sich – unter entsprechend deutlich sichtbarem Hinweis an etwaige Nichtraucher – für ein Gestatten des Rauchens zu entscheiden. Deshalb beeinträchtige das Rauchverbot sie tendenziell stärker als die Besit­zer von Gaststätten, in denen aufgrund ihrer Größe Raucherräume eingerichtet werden könnten. Ob diese wirtschaftlich voraussichtlich gravierende Ungleichbehandlung gerechtfertigt sei, werde erst später in den Hauptsacheverfahren über die Verfassungs­beschwerden geklärt. Bei der jetzt zu treffenden Entscheidung seien deshalb unabhängig von den Erfolgsaussichten in der Hauptsache die Nachteile für die Beschwerdeführer durch das Inkrafttreten des Nichtraucherschutzgesetzes am 15. Februar 2008 gegen die Folgen abzuwägen, die durch die vorläufige Aussetzung der die Ein-Raum-Gaststätten betreffenden gesetzlichen Regelungen eintreten würden. Diese Folgenabwägung falle zugunsten der Betreiber kleiner Ein-Raum-Gaststätten ohne Beschäftigte aus. 

Trete das Nichtraucherschutzgesetz auch für Ein-Raum-Gaststätten vor der Entscheidung über die Verfassungsbeschwerden in Kraft, könnten den Betreibern schwere und praktisch nicht wieder gut zu machende wirtschaftliche Nachteile entstehen. Ihre Prognose, sie müssten angesichts eines Raucheranteils von mindestens 80 % unter ihren Stammkunden mit wirtschaftlichen Konsequenzen rechnen, die zur Bedrohung oder gar Vernichtung ihrer beruflichen Existenz führen könnten, sei nachvollziehbar dargelegt. Nach markt­forschungsgestützten Angaben des Deutschen Hotel- und Gaststättenverban­des e.V. hätten vergleichbare, schon in Kraft befindliche Rauchverbote anderer Bundes­länder zu teilweise erheblichen Umsatzeinbußen für Ein-Raum-Gaststätten geführt. Dies gelte vor allem auch angesichts zunächst gleichbleibender vertraglicher Verpflichtungen aus Bier­lieferungsverträgen und Pachtzinsvereinbarungen. Sie könnten zu einer rapiden Ver­schlechterung der wirtschaftlichen Situation einer nicht nur geringen Zahl von Ein-Raum-Gaststätten innerhalb eines kurzen Zeitraums führen. Ein effektiver Grundrechts­schutz der Betroffenen im Verfassungsbeschwerdeverfahren spreche deshalb dagegen, zunächst die Widerlegung oder den tatsächlichen Eintritt der prognosti­zierten existenzgefährdenden Situation abzu­warten. Im letzteren Fall käme der Grund­rechtsschutz in der Hauptsache wegen irreparabler Nachteile zu spät. 

Demgegenüber seien die Nachteile, die mit dem Erlass einer einstweiligen Anordnung verbunden seien, weniger gewichtig. Zwar verfolge der Gesetzgeber mit der Einführung der Rauchfreiheit in Gaststätten das verfassungsrechtlich legitime Ziel, insbesondere Familien mit Kindern, Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen und Jugend­lichen den Besuch von Gaststätten zu ermöglichen, ohne sie einer Passivrauchbelastung auszusetzen. Gleichzeitig bezwecke er, die gesundheitliche Gefährdung der Beschäftigten in Gaststätten zu verringern. Für den angesprochenen Personenkreis seien jedoch die Folgen der kurzfristig zunächst fortbestehenden Möglichkeit, in Ein-Raum-Gaststätten zu rauchen, begrenzt. Dies gelte gerade für inhabergeführte Gaststätten, die keine weiteren Personen beschäftigten. Denn Familien mit Kindern und Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen gehörten nicht typischerweise zum Gästekreis solcher kleinen Ein-Raum-Gaststätten mit erfahrungsgemäß hohem Raucheranteil. 

Das vorübergehende Festhalten an der bisherigen Rechtslage für Ein-Raum-Gaststätten begründe daher noch keine Nachteile, die möglicherweise existenzgefährdende Konse­quenzen für die betroffenen Gastwirte aufwiegen würden. Voraussetzung hierfür sei aller­dings, dass die inhabergeführten Ein-Raum-Gaststätten, in denen bis zur Entscheidung über die Verfassungsbeschwerden das Rauchen zugelassen werden könne, an ihrem Eingang deutlich sichtbar als nicht rauchfreie Gaststätten gekennzeichnet würden. Nicht­raucher könnten so vorab eine selbständige und bewusste Entscheidung treffen, ob sie eine solche Gaststätte aufsuchen wollten. 

2. Der Antrag des Rauchers auf Erlass einer einstweiligen Anordnung sei abzulehnen, weil das vorgesehene Inkrafttreten des Nichtraucherschutzgesetzes für ihn keine beson­ders schweren, praktisch nicht wieder gut zu machenden persönlichen Nachteile begründe. Bis zur Entscheidung über seine Verfassungsbeschwerde habe er angesichts der verbleibenden Möglichkeiten zu rauchen lediglich eine Beeinträchtigung seiner all­gemeinen Handlungsfreiheit in einem Grenzbereich hinzunehmen. 

3. Der Verfassungsgerichtshof weist in seinem Beschluss ausdrücklich darauf hin, dass mit der Entscheidung über die Anträge auf Erlass einer einstweiligen Anordnung keine Aussage über die Erfolgsaussichten der Verfassungsbeschwerden verbunden ist.

Beschluss vom 11. Februar 2008, Aktenzeichen: VGH A 32/07 u. a.


Gastro-Rauchverbot: 17 Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht

12 Februar 2008

Das Rauchverbot setzt den Gastronomen in ganz Deutschland immer stärker zu. Stammgäste bleiben aus, Raucher konsumieren weniger, die Investitionen für neue Abluftanlagen in Raucherzimmern oder Raucherzelten vor der Tür sind immens. Ganz klar: Der“Gastro-Friedhof“ füllt sich – die Zahl der Pleiten und Betriebsschließungen häufen sich. Mittlerweile haben insgesamt 17 Gastronomen Klage gegen das Rauchverbot beim Bundesverfassungsgericht (BVG) eingereicht. Wann mit einer Entscheidung z.B. über eine Musterklage zu rechnen ist, wird noch immer nicht bekannt gegeben. Die Nerven liegen blank – auch bei den rauchenden Gästen.

Von Carsten Hennig

Der Auftakt in der juristischen Auseinandersetzung um die „Freiheit der Raucher“ geriet zur Niederlage. Die Klage eines qualmenden Verbrauchers aus Hessen auf Aussetzung des Rauchverbotes in seinem Bundesland beschied das BVG negativ. Ob dies als Signal für die anhängigen Verfassungsbeschwerden der Gastronomen zu werten ist, darf noch bezweifelt werden – das Bundesverfassungsgericht lehnte die Verbraucherklage zunächst ab. In der Sache selbst – ob das Rauchverbot Grundrechte berührt – gab es noch kein Votum.

Wie hoch und dauerhaft die Verluste in der Gastronomie in Folge des Rauchverbotes ausfallen, ist noch nicht klar. Ende Februar will das internationale Marktfoschungsinstitut CHD Expert (www.chd-expert.de) eine neue Studie dazu veröffentlichen. Im November vergangenen Jahres hatte eine erste CHD-Erhebung in Baden-Württemberg und Niedersachsen ergeben, das die Umsatzrückgänge bis zu 40 Prozent ausfielen. Die mit Spannung erwarteten Zahlen spielen bei den Klagen eine gewichtige Rolle – schließlich wollen die Gastronomen damit den Eingriff in die unternehmerische Freiheit belegen. In den Landesverbänden des Deutschen Hotel- und Gaststätten-Verbandes (Dehoga) hilft man sich derweil mit Mitgliederumfragen: das Thema Rauchverbot gehört – neben den steigenden Energie- und Personalkosten – zu den größten Sorgen der Gastronomen und Hoteliers.

Das Thema Rauchverbot in der Gastronomie ist in ganz Europe „heiß“. In der EU-Administration erwägt man sogar eine Ausweitung zu einem generellen Rauchverbot in der Öffentlichkeit. Was von nichtrauchenden Konsumenten begrüßt werden mag, missfällt den Gastronomen auch anderswo. Auch allen Teilen Europas wird von zum Teil starken Umsatzrückgängen und weiter gesunkenem Fassbier-Verbrauch berichtet. Doch: Eindeutige Zahlen gibt es bislang nicht. Trotz der Bemühungen der Gastro-Lobbyisten in Brüssel sind keine vergleichbaren Studien zu beschaffen. Ist das Wohl der Gastronomen nicht so wichtig?

Bayern: Sturm im Wasserglas?
In Bayern gehen die Uhren bekanntlich anders – auch beim Rauchverbot. Im Herbst vergangenen Jahres entschied das Präsidium des Bayerischen Hotel- und Gaststätten-Verbandes ( BHG) einmütig, für ein generelles Rauchverbot in der Gastronomie (!) zu votieren. Folglich verabschiedete der Landtag ein Gesetz, der das Qualmen sogar in Festzelten – also auch auf dem weltberühmten Oktoberfest – verbietet. Ein Proteststurm der Wiesn-Wirte und zahlreicher anderer Gastronomen hob an – so wurde ein Interessensverein zur Lobbyarbeit gegründet und schon mal ein Demonstrationszug gestartet. Doch an der Spitze des Gastro-Branchenverbandes gibt man sich gelassen. Von massenhaften Austritten lauteten die Gerüchte – davon kann keine Rede sein. Auf Nachfrage von hotelier.com wurden lediglich 102 Mitgliedskündigungen wegen der Positionierung beim Thema Rauchverbot bis heute registriert. „Das sind weniger als ein Prozent der Mitglieder“, so BHG-Sprecher Frank Ulrich John. Dagegen gab es auch Befürworter: Man habe sogar 40 Neuzugänge begrüßt – die Gastronomen traten ein, weil sie die eindeutige Position des Verbandes für ein einheitliches Gastro-Rauchverbot unterstützen. Das waren wohl alles Nichtraucher.
 

Über den Autor: Carsten Hennig ist langjähriger Fachjournalist mit Spezialisierung auf Hotellerie, Gastronomie und Touristik. Er leitet u.a. das internationale Internetmagazin hotelier.com (http://magazine.hotelier.com). Das Thema Rauchverbot in der Gastronomie begleitet und analysiert er bereits seit mehreren Jahren. Kontakt: ch@hotelier.com.